Flug 307 – Die Nacht, in der ich fliegen lernte

5. Januar 2026

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dirk_outjoy

Abflug

Stuttgart, früh am Morgen. Die Dunkelheit hält sich hartnäckig, als hätte die Sonne vergessen, aufzustehen. Hanna steht neben mir in der Abflughalle, ihr Blick ruhig, fast zu ruhig für das, was gleich auf mich zukommt. Ein Mann tritt heran, drückt mir ein Badge in die Hand. „Du fliegst die 307.“ Ich will protestieren, sagen: „Ich bin kein Pilot.“ Stattdessen nicke ich stumm. Hannas Hand liegt auf meiner Schulter, ein Anker in diesem Meer aus Unsicherheit. „Du schaffst das“, sagt sie, als würde sie eine unumstößliche Wahrheit aussprechen. In diesem Moment wird mir klar: Es geht um mehr als nur einen Flug, es geht um Flug 307.

Meine Knie werden weich, ein schwindelerregender Wirbel schießt wie ein wild gewordenes Flippergerät durch meinen Kopf. Und doch, unter all dem, leise wie ein ferner Ruf, flüstert etwas: Es gibt kein Zurück. Ich drehe mich zu Hanna, will etwas sagen – vielleicht ein letztes „Bleib hier“ oder „Ich kann das nicht“. Doch bevor die Worte mich finden, hat sie mich schon umarmt. Fest, ruhig. Ihre Präsenz hält mich mehr als ihre Arme. „Du weißt, dass du es kannst.“ Dann hebt sie ihre Tasche, dreht sich um und geht. Einfach so.
Meine Augen füllen sich mit Tränen. Gott, ich liebe sie. Diese Art von Vertrauen, dieser Abschied ohne großes Drama. Er trifft mich härter als jede pathetische Geste.

Was bleibt, ist ein Mann, der nicht weiß, was ihn erwartet. Und trotzdem regt sich etwas in mir – eine Kraft, die nicht mir gehört, sondern durch mich hindurchfließt. Der Mann mit dem Badge steht wieder vor mir. Sein Blick ruhig, unerschütterlich. „Es wird Zeit. Wir müssen zum Flugzeug.“ Nein, denke ich, unmöglich. Und doch weiß mein Körper längst, was mein Verstand noch abstreitet: Vorwärts ist die einzige Richtung. Er geht voran, und ich folge. Ich spüre meine Nudie Jeans, die alten Adidas, das klamme Shirt an meinem Rücken, die Oakleys auf meiner Nase. Was für ein Outfit, denke ich. Und gleich werde ich ein Flugzeug fliegen.

Die Maschine

Dann sehe ich sie: das Flugzeug. Massiv. Still. Bereit. Ein Stahlkoloss, der mich zugleich in Ehrfurcht und Schrecken versetzt. Ich bin überwältigt, völlig überfordert. Und doch scheint niemand zu bemerken, dass ich kein Pilot bin. Alles bleibt surreal. Siebzig Meter Metall, vierzig Tonnen Gewicht – und ich, 1,87 Meter, 95 Kilo, wie eine Fliege in einer Schuhschachtel. Ich steige ein. Die Tür schließt sich hinter mir. Stille. Keine Stimmen, kein Flackern, keine Bewegung. Nur Reihen leerer Sitze, eine Stille, die nicht ruhig ist, sondern grenzenlos.
Es riecht nach Stahl, Klimaanlage und etwas, das gleich passieren wird. Wie ein Raum, den jemand verlassen und nie wieder betreten hat. Langsam gehe ich nach vorne, jeder Schritt hallt. Ich bin nicht nervös. Ich bin ehrfürchtig. Als würde ich eine Kathedrale betreten. Oder allein auf einer Düne in der Sahara stehen, im ersten Licht des Tages.
Durch die Cockpittür sehe ich zwei Sitze, Schalter, Hebel, Anzeigen, ein schmales Fenster. Ich setze mich. Hannas Stimme hallt in mir nach: „Du weißt, dass du es kannst. Etwas in mir hat längst Ja gesagt. Ich bewege mich, als hätte ich es immer gekonnt – obwohl ich nichts weiß. Und doch bin ich völlig im Frieden mit mir.

Der Copilot

Die Cockpittür schwingt auf. Ein Typ kommt herein, als wäre er nie weg gewesen. Woher ich weiß, dass er Raphael heißt? Keine Ahnung. Aber ich weiß es. Tief drin. Als würden wir seit Jahren zusammen fliegen – Sonny und Rico, Himmelsedition.
„Hey, alles klar, Mann?“ Er grinst breit, schlägt meine Hand zum High-Five und lässt sich in den Copiloten-Sitz fallen, als wäre es sein Wohnzimmer. „Bereit für Kanada?“
„Äh, ja. Klar.“
Und genau in diesem Moment lasse ich los – von allem, was ich über Leben, Kontrolle und Realität zu wissen glaubte.
„Du weißt, dass das ein Testflug ist, oder? Keine Passagiere. Die Firma will nur schauen, wie der Jet performt.“
„Klar. Natürlich.“ Ich sage es, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt „Alles klar.“ Er klappt ein Panel auf. „Gehen wir die Checks durch. Wir rollen los, sobald der Tower uns ruft.“
Meine Augen gleiten über die Instrumente. Etwas tief in mir drückt Knöpfe, legt Schalter um, prüft Anzeigen. Keine Ahnung, wie. Aber es funktioniert.

Bin ich high? Im falschen Film? Egal. Ich bin hier. „Schau“, sagt er, „Beate hat uns Leberwurstbrote gemacht und Kaffee gekocht.“ Er zieht eine schwere Stahlbox aus seiner Tasche, dazu eine Stanley-Thermoskanne. Raphael ist ein Mann mit Stil – Red Wings, Raw Denim, Flanellhemd, Ray-Ban Aviator. Ein Hauch Issey Miyake liegt in der Luft. Ich mag es.
Er reicht mir ein Brot. Sauerteig. Weich innen, knusprige Kruste. Butter, zarte Leberwurst, ein bisschen Kerbel. Es riecht nach Zuhause – auf 10.000 Metern.
„Wow. Ich bin sprachlos. Danke.“
„Hier, guter Kaffee dazu. Erst essen, dann fliegen.“

Start

Die Triebwerke heulen auf, ein tiefes, vibrierendes Dröhnen, das durch den Rumpf pulsiert. Ich spüre das Zittern im Steuerknüppel, ein vertrautes Kribbeln, das von meinen Fingerspitzen tief in meinen Kern wandert. Die Stimme des Towers klingt sachlich, fast gleichgültig: „Tower an 307. Sie haben Startbahn 8734. Bitte zum Start vorbereiten.“ Ein paar Klicks – Schalter umgelegt, Hebel gezogen. Das Flugzeug beginnt zu rollen. Einfach so. Als wäre es das Normalste der Welt. Für mich aber ein Wunder.

„Raphi, hast du das Wetter gecheckt?“, frage ich, den Blick auf die Startbahn gerichtet. Raphi grinst, dieses lässige, fast freche Grinsen: „Natürlich, Bruder. Denkst du, das ist mein erstes Mal?“ Ich schüttele den Kopf, ein verlegenes, schiefes Grinsen auf meinen Lippen. „Sorry. Das Brot hat mich entspannt.“
Die Startbahn erstreckt sich vor uns, ein endloses Band aus Asphalt. Das war’s. Autos konnte ich fahren, LKWs – sogar richtig große. Aber das hier? Eine mehrere Tonnen schwere Maschine in die Luft heben? Uff. Das Headset knackt. „307, Start frei.“ Ich atme tief ein. „Okay. Los geht’s.“ Vollschub. Die Triebwerke brüllen, ein gewaltiger Schub presst mich in den Sitz. Ich halte die Maschine in der Spur, das Seitenruder unter Kontrolle – irgendwie fühlt es sich völlig natürlich an.
Die Geschwindigkeit steigt. 519 Knoten – atemberaubend. Ich fühle mich, als wäre ich an eine Rakete geschnallt, eingehüllt in nichts als dünne Metallhaut. Ich ziehe am Steuerhorn. Die Nase hebt sich. Der Moment der Wahrheit. Schwerelosigkeit, mein Magen wirbelt – und dann: der Aufstieg. Direkt, kraftvoll, ohne Zögern.

Der lange Flug

Die Welt schrumpft unter uns, Häuser werden zu Punkten, Straßen zu Linien. Meine Hände liegen fest auf den Kontrollen – ruhig, stabil. Ein feiner Nachgeschmack von Leberwurst hängt mir noch im Mund, mischt sich mit dem Hauch von Issey Miyake im Cockpit.
„Gut gemacht, Bruder“, murmelt Raphi. „Mother Sky hat uns wieder. Vermisst du das, alter Freund? Das ist Zuhause, oder, Bo?“
Bo? Ach ja. Das bin ich. Bo Danski. Der Himmel ist mein Zuhause. Raphi grinst. „Unser Meisterpilot in Aktion.“
Und ich lächle. Weil wir fliegen. Einfach so. Himmel. Brote. Kaffee. Zwei Typen in den Wolken.

Zehn Stunden später, nach unzähligen Meilen über endlosen Wolkenmeeren, taucht Vancouver endlich am Horizont auf – nicht als klare Stadt mit erkennbaren Gebäuden, sondern als flackerndes Meer aus Lichtern, das gegen die Dunkelheit glimmt wie ein ferner Leuchtturm.
Trotz der langen Strecke bleibt eine gewisse Unsicherheit in mir, ein leises, aber beharrliches Flüstern, das mich daran erinnert, dass ich nicht weiß, was uns erwartet. Aber ich vertraue. Ich vertraue dem, was mich die ganze Zeit getragen hat – einer Kraft, größer als ich, irgendwo zwischen Wolken und Sternen, die uns leise führt.

Ich greife zum Funkgerät, kontaktiere den Tower, während Raphi neben mir ruhig das Wetter prüft, den Autopiloten überwacht und die letzten Checks ausführt. Wir bewegen uns synchron, fast tranceartig, weich und koordiniert, wie Teil eines größeren Tanzes im Himmel, der weder Eile noch Spannung kennt.
Etwas steigt in mir auf – ein stilles Ergriffen-Sein. Ich bin bewegt und zugleich erfüllt von einer fast übernatürlichen Ruhe. Wir aktivieren das ILS – das Instrumentenlandesystem. Kurs gesetzt, Gleitpfad berechnet, und irgendwo zwischen all dieser Technik liegt etwas, das sich wie Magie anfühlt.
Die Stadtlichter wachsen mit jedem Meter, den wir sinken. Doch die Landebahn bleibt verborgen, umhüllt von Dunkelheit, nur ein kaum sichtbarer Schimmer verrät ihre Existenz. Ich hoffe, alles geht gut – aber tief drin weiß ich: Es spielt keine Rolle. Es gibt kein Zurück.

Landung

„Bereit, Bo?“ Raphi lehnt sich leicht zu mir, seine Stimme ein vertrauter Anker.
„Geben wir der Lady eine sanfte Landung, okay?“ Ich lächle – sicherer, als ich mich fühle. „Ja.“ Ich setze die Klappen, fahre das Fahrwerk aus. Alles fließt, jeder Handgriff ein Zusammenspiel aus Routine und Intuition. Wir setzen auf – zuerst die Hinterräder, sanft, ein kleiner Ruck – dann gleiten wir über den Asphalt, als würde der Himmel uns noch einen Moment festhalten. Die Bremsen greifen, der Umkehrschub donnert, wir werden langsamer, Meter für Meter, bis wir schließlich stehen. Stille. Ein Moment, der alles sagt.
Wir haben es geschafft. Eine weiche Landung. Raphi hebt die Hand, ich schlage ein. „Wir haben’s gerissen, Bruder.“
Er lächelt – dieses lässige, fast zärtliche Lächeln, das ich an ihm liebe. Nicht nur seine Ruhe. Sondern, dass er diesen Flug mit mir gegangen ist.
Wir rollen aus, parken, fahren die Systeme herunter.

Ankunft

Wir öffnen die Tür, treten hinaus in die kühle Nachtluft.
Draußen riecht es nach Freiheit. Nach Kiefernnadeln, salziger Luft, kaltem Wind und einem Hauch von Bärenschweiß. Ein Duft nach Ankunft. Nach Abenteuern, die noch kommen.

Danke fürs Lesen.

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