Was bleibt, wenn nichts fehlt

5. Januar 2026

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dirk_outjoy

Ein etwas anderer Samstag

Es ist Samstag, kurz nach acht, und das Erste, was du bemerkst, ist das Licht. Dieses kühle, klare Herbstlicht, das durch die schmalen Vorhänge sickert und die Wand gegenüber fast bläulich macht. Kein Gedanke, kein To-do, nur dieses Licht, das dich wach kitzelt, bevor du die Augen richtig öffnest.
Du liegst da, streckst einmal die Zehen in der Bettdecke aus, spürst die Kante des Lakens am Knöchel. Die Wohnung ist still, aber nicht leer. Eher wie ein Raum, der dich beobachtet, ohne etwas zu wollen. Du reibst dir einmal über die Wange, noch ganz weich vom Schlaf, und merkst: Heute fühlt sich anders an. Nicht größer. Nur… weiter. War eine Fee da letzte Nacht? Was ist anders heute Morgen?
Du setzt dich langsam auf, und dein Blick fällt auf die Jacke, die über dem Stuhl hängt. Die neue. Dunkles Oliv, klarer Schnitt, ein Stoff, der sich gut anfühlt, wenn du ihn zwischen den Fingern hältst. Du hast sie letzte Woche gekauft, weil der Herbst jetzt wirklich da ist — und weil du einmal etwas wolltest, das dich durch die Stadt trägt, statt dich durchzuschieben.
Heute ziehst du sie endlich an. Das weißt du schon, bevor du aufstehst.
Deine Füße finden den Boden. Die Dielen sind so schön holzig, so ein kleiner Impuls, der den Körper vollständig ankommen lässt. Du gehst in die Küche, ohne zu überlegen. Linker Fuß, rechter Fuß, linker Fuß. „Warum fällt mir das heute auf und sonst nie?“. Wieder dieses Gefühl, irgend etwas ist heute anders.

Die Bialetti steht noch auf dem Herd vom Vortag. Du nimmst sie in die Hand, schraubst sie auf. Scheisse, noch Kaffee drin von gestern. Egal. Du klopfst ihn aus an dem kleinen Mülleimer, reinigst das Sieb unter dem Wasserhahn und füllst neuen Kaffee ein. Den von Barcomis, den du neulich mitgenommen hast. Caramel. Ohne süß zu sein. Genau richtig…
Apropos Barcomis. Das wäre doch mal ein schönes Ziel für den heutigen Vormittag.
Buch mitnehmen und beobachten. Vor allem weil so sonniges Wetter ist. Du öffnest den Schrank über der Arbeitsplatte und lässt den Blick über die Buchrücken gleiten. Einer dieser Momente, in denen du alles wahrnimmst. Deine Hand bleibt bei Rachel Cusk – Outline stehen, das du neulich erst gekauft hast, mehr aus einem Bauchgefühl heraus als aus irgendeiner besonderen Erwartung. Du weißt grob, worum es geht, kennst die Autorin nicht, aber irgendetwas an dem Buch wirkt so, als würde es zu diesem Tag passen. Klar, beobachtend, irgendwie stimmig.

Du legst es auf die Küchentheke, neben die Tasse, die inzwischen Dampffahnen gegen das kalte Küchenfenster schickt. Der Kaffee schmeckt ein bisschen nach Caramel — nicht ganz Werthers Original. Aber wenn du die Augen zumachst, könnte es schon in diese Richtung gehen. „Hach, Kindheit“. Du nimmst noch einen Schluck, und der Gedanke an Barcomis zieht eine kleine Spur durch dich, fast wie ein Faden, dem du gerne folgst.
Du gehst ins Bad, streifst dir kaltes Wasser ins Gesicht, und selbst das fühlt sich heute anders an. Wacher. Echter. Als würdest du wieder bei dir landen, Schritt für Schritt, ohne dass du viel dafür tun musst. Du siehst dich im Spiegel, wer schaut denn da heute? Bin ich das? Ich sehe gut aus. Meine Güte. So kenne ich mich gar nicht. Ich scheine einfach grundlos von innen zu strahlen heute. Na gut, nehme ich gerne.
Ich frage mich heute gar nicht, wie sonst so oft: Fragst du dich manchmal: Bin ich genug?

Zurück im Zimmer greifst du die olivgrüne Jacke vom Stuhl. Der Stoff macht dieses ganz leise Geräusch, wenn du ihn anhebst, und es passt zu dem Morgen, so selbstverständlich, als würdest du etwas anziehen, das dich schon kennt. Du fährst einmal mit der Hand über die Schulterpartie, ein kurzer, intuitiver Check, und nickst dir selbst zu, ohne es bewusst zu wollen. Ja. Die ist es heute. Die Schuhe stehen neben der Tür. Deine weißen, die du inzwischen fast blind anziehen kannst. Du schlüpfst rein, schnürst sie locker — du magst es, wenn sie dir ein bisschen Spiel lassen — und spürst, wie du innerlich schon halb draußen bist. Als würde der Tag dich rufen: „Komm. Lass uns gehen. Es wird gut heute.“
Du steckst Rachel Cusk in die Tasche, neben die Schlüssel, und machst die Tür zu. Der Schließmechanismus klickt weicher als sonst, und wieder dieser Gedanke: Was ist heute anders? Keine Ahnung. Aber irgendetwas stimmt.

Auf der Straße liegt ein feiner Film aus Gerüchen — nasses Laub, der erste Kaffee aus irgendeinem Fensterladen, und natürlich Berlin, wie es eben riecht, wenn der Herbst einmal durchatmet. Ein Hauch von Wind streift über deine Wangen. Die Stadt wirkt langsamer heute. Als hätte jemand die Lautstärke heruntergedreht. Du gehst los, die Richtung ergibt sich von selbst. Und irgendwo zwischen Haustür und erstem Zebrastreifen kommt dieser leise, völlig unaufgeregte Gedanke in dir hoch:

Vielleicht fehlt heute wirklich nichts.

Danke fürs Lesen.

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