Wir sind nicht süchtig nach Dingen – sondern nach dem Ziehen selbst
Es ist ein Reflex geworden. Kaum entsteht ein Moment der Leere, greifen wir zum Handy. Scrollen. Tippen. Nachsehen. Wir wissen gar nicht mehr genau, was wir suchen. Nur, dass wir etwas brauchen.
Vielleicht kennst du das: Du hast einen Moment Ruhe – eigentlich. Keine Aufgabe, niemand will was von dir. Und trotzdem greifst du instinktiv zum nächsten Reiz. Ein Video. Ein Like. Eine Nachricht. Ein Podcast im Hintergrund. Selbst beim Kochen, Spazieren, Einschlafen. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen der Zeit.
Die Sicht auf Dopamin Überstimulation im Alltag ist wichtiger denn je, da wir immer mehr von Reizen umgeben sind.
„Wir sind nicht süchtig nach Substanzen. Wir sind süchtig nach dem Dopaminrausch, den sie erzeugen.“
– Dr. Anna Lembke, Psychiaterin & Autorin von Dopamine Nation
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der Motivation und Belohnung reguliert. Es treibt uns an, es macht uns wach, es gibt uns Richtung. Doch was passiert, wenn es ständig aktiviert wird? Wenn der Körper keine echte Pause mehr kennt? Wir leben in einem System, das uns pausenlos zieht – mit Mikroreizen. Nicht die Substanz, nicht das Produkt, nicht der Content selbst machen süchtig. Sondern das Gefühl: „Da könnte noch was kommen.“ Ein kleiner Kick. Ein schneller Schub. Ein kurzes Hoch.
Wir sind nicht süchtig nach Dingen – wir sind süchtig nach dem Ziehen selbst. Und das ist vielleicht das Tückischste an der ganzen Geschichte: Es fühlt sich nicht mal gefährlich an. Es fühlt sich „normal“ an. Aber wenn du genau hin spürst, merkst du: Es macht dich nicht wach. Es macht dich leer.
Das Nervensystem kann nicht mehr unterscheiden
Dein Nervensystem ist nicht dafür gemacht, ständig zwischen Hunderten von Reizen hin und her zu springen. Es ist für Rhythmus gebaut. Für Spannung und Entspannung. Für Aktivität – und Stille. Doch unser Alltag kennt kaum noch echte Pausen. Stattdessen: Benachrichtigungen, To-dos, visuelle Reizfluten, Dauerbeschallung. Alles in hoher Taktung. Alles „harmlos“ – aber nie endend.
Und das Problem dabei ist: Dein Nervensystem unterscheidet nicht mehr zwischen echten Bedrohungen und künstlichen Mikro-Stimulationen. Es bleibt im Alarmmodus. Es zieht Energie, auch wenn du „nur kurz“ auf Instagram gehst oder durch drei WhatsApp-Nachrichten scrollst. Das System fährt hoch – aber nicht mehr richtig runter. Das hat Folgen: Schlafprobleme. Gereiztheit. Erschöpfung. Konzentrationsstörungen. Und eine merkwürdige innere Leere, die man nicht greifen kann.
„Je mehr wir konsumieren, um uns gut zu fühlen, desto mehr brauchen wir – und desto schlechter fühlen wir uns.“
– Dr. Anna Lembke
Dopamin ist dabei der Treiber – aber auch der Saboteur. Es pusht dich nach vorn, verspricht dir Belohnung. Doch wenn der Spiegel dauerhaft erhöht bleibt, wird alles andere farblos. Satt wird man nicht. Nur stumpfer.
Die stille Entzugserscheinung
Kennst du das? Du hast plötzlich ein paar freie Minuten. Kein Termin, keine Aufgabe, kein Gespräch. Nur Stille. Und statt sie zu genießen, greifst du automatisch zum Handy. Nur mal kurz. Ein Impuls. Und zack, bist du wieder drin – im Ziehen. Reels, News, Nachrichten. Alles, nur nicht da bleiben, wo nichts passiert.
Das ist kein Zufall. Das ist Entzug. Nur ohne sichtbares Zittern, ohne körperlichen Schmerz. Die innere Unruhe, die sich in Momenten der Stille breitmacht, ist ein Zeichen dafür, dass dein System überstimuliert ist. Dein Gehirn hat gelernt: Stille bedeutet Mangel. Und dieser Mangel fühlt sich bedrohlich an. Also schiebst du sofort den nächsten Reiz hinterher.
Was wir für Langeweile halten, ist oft nur der Dopaminabfall nach einem konstanten High. Es ist der Moment, in dem der Körper nach Regulierung ruft – aber wir ihn übergehen. Weil wir es nicht mehr gewohnt sind, einfach zu sein.
Der Preis des permanenten Ziehens
Das Verrückte ist: Du wirst für dein Ziehen auch noch belohnt. Wer ständig verfügbar ist, schnell reagiert, performt, liefert, sichtbar ist – bekommt Applaus. Likes. Geld. Karriereschritte. Aufmerksamkeit. Die ganze Struktur um dich herum ist darauf ausgelegt, dass du dich gut fühlst, wenn du funktionierst. Und schlecht, wenn du innehältst.
Was niemand dazusagt: Das Ziehen hat einen Preis. Nicht sofort. Nicht laut. Aber beständig. Du wirst müder. Reizbarer. Dein Nervensystem ist in Daueranspannung. Die Momente echter Freude, echter Ruhe, echter Lebendigkeit – sie werden seltener. Und manchmal spürst du: Irgendwas an diesem Spiel fühlt sich falsch an. Aber es ist schwer, auszusteigen. Denn alles ist darauf gebaut, dass du weitermachst.
Wenn du verstehen willst, warum Systeme genau so wirken – und wie sie es schaffen, uns vom eigenen Erleben zu entkoppeln,
👉 findest du hier einen Artikel über Systemdesign, innere Steuerung und die Frage: Trägt dich das System noch – oder nur noch sich selbst?
Ich bin nicht besser – ich bin mittendrin
Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich die Lösung habe. Ich schreibe ihn, weil ich selbst Teil dieses Spiels bin. Auch mein Leben war – und ist – durchzogen von Suchtstrukturen. Schon lange bevor es Social Media gab. Ich kenne das Ziehen, das Unruhig werden, wenn nichts passiert. Das Bedürfnis, mich ständig zu regulieren. Durch Tun. Durch Konsum. Durch Ablenkung.
Heute lebe ich bewusster. Ich habe vieles verändert: Ernährung, Bildschirmzeit, Routinen, Präsenz. Aber die Mechanismen – sie sind nicht einfach verschwunden. Ich kenne sie besser. Ich kann sie früher erkennen. Und manchmal reicht das, um nicht reflexhaft zu reagieren. Aber nicht immer. Ich bin mittendrin. Wie du. Wie viele andere auch. Und vielleicht genau deshalb können wir darüber sprechen – ohne Schuld, ohne Scham. Sondern mit der Frage: Was will ich eigentlich wirklich spüren, wenn das Ziehen aufhört?
Auch Bio und Yoga können Numbing sein
Das System ist clever. Es hat längst verstanden, dass Menschen erschöpft sind. Dass sie Klarheit suchen. Ruhe. Erdung. Und es hat Antworten parat: Achtsamkeits-Apps, Bio-Smoothies, Matcha-Rituale, Breathwork-Challenges. Alles sauber verpackt, alles Instagram-ready. Und plötzlich fühlt sich selbst der Detox wie ein weiteres To-do an.
Natürlich ist nichts davon per se schlecht. Ich liebe gute Ernährung. Ich schätze Stille. Ich arbeite mit dem Körper. Aber was mir immer wieder auffällt: Auch das kann zum neuen Ziehen werden. Zum neuen Muster. Statt Instagram: Insight Timer. Statt Junk Food: Clean Eating. Statt Overwork: Optimierung durch Selfcare. Es sieht schöner aus – aber die Dynamik bleibt dieselbe. Und wenn du ehrlich bist, spürst du es vielleicht: Es macht dich ruhiger, aber nicht lebendiger.
Was dir wirklich fehlt, ist Kontakt
Nicht Reiz, nicht Content, nicht Selbstoptimierung – sondern Kontakt. Mit dir. Mit anderen. Mit der Welt um dich herum. Das, was wirklich trägt, entsteht nicht in Push-Nachrichten oder Selfcare-Routinen. Es entsteht im echten Spüren. Im Atem. Im Blick. In Momenten, die nicht bewertet werden. Im Berühren von Dingen in der Natur.
„Das Gegenteil von Sucht ist nicht Abstinenz. Es ist Verbindung.“
– Dr. Anna Lembke
Und genau da liegt der Kern. Wir greifen nicht zum Handy, weil wir schwach sind – sondern weil uns etwas fehlt. Etwas, das durch kein Gerät, kein Like, kein Hochgefühl ersetzt werden kann.
„Die Frage ist nicht: Warum die Sucht? Die Frage ist: Warum der Schmerz?“
– Dr. Gabor Maté
Wir betäuben die Einsamkeit. Die Unverbundenheit. Die Leere, die entsteht, wenn keiner da ist, der wirklich hinschaut. Auch kein innerer Teil. Auch kein Körperbewusstsein. Wenn es still wird und nichts mehr da ist, das hält – greifen wir wieder zum Reiz.
Doch Verbindung beginnt nicht erst im Außen. Sie beginnt in dem Moment, in dem du wieder fühlst, dass du da bist. Ohne Ziehen. Ohne Ziel. Einfach echt.
Wenn du das Ziehen unterbrichst, beginnt etwas Neues
Es geht nicht darum, perfekt zu werden. Oder ab morgen komplett auf alles zu verzichten. Es geht um einen Moment. Einen bewussten Bruch mit dem Muster. Du nimmst das Ziehen wahr – und machst… nichts. Du bleibst sitzen. Du atmest. Du hörst den Impuls – aber du folgst ihm nicht sofort. Und plötzlich entsteht etwas: Raum.
Dieser Raum fühlt sich am Anfang ungewohnt an. Vielleicht sogar unangenehm. Weil dein Nervensystem noch auf Bewegung programmiert ist. Auf Reiz. Auf Belohnung. Aber wenn du ihn aushältst – wächst etwas. Nicht Euphorie. Sondern Kontakt. Klarheit. Stille, die nicht leer ist, sondern offen.
Es gibt Wege – keine fertigen Lösungen
Es gibt keine Methode, die für alle passt. Kein „so musst du leben“. Aber es gibt Wege. Wege raus aus dem Reizkreislauf, rein ins echte Spüren. Manchmal reicht schon ein einziger bewusster Moment, in dem du dich erinnerst, wie sich Kontakt anfühlt – nicht digital, sondern körperlich.
Geh raus. Ohne Ziel. Ohne Podcast im Ohr. Leg dich auf den Rücken, schau in den Himmel. Spür die Erde unter dir. Barfuß laufen, wenn das Wetter passt. Die Kälte an der Haut. Den Wind. Den Geruch der Jahreszeit. Deinen Atem. Deine Sinne.
Vielleicht ist es für dich Gartenarbeit. Oder Rennrad fahren. Oder eine Wanderung mit anderen. Sport, der dich in deinen Körper zurückholt. Kochen. Makrobiotisch essen, wie ich es gerade mache. Oder einfach: mit jemandem reden. Ohne Eile. Ohne Zweck. Vielleicht sogar beim Essen an einem langen Tisch, wie ich es hier in Vietnam oft erlebe – ungeplant, offen, menschlich.
„Wir brauchen Schmerz. Und wir brauchen Bedeutung. Und wir brauchen Verbindung.“
– Dr. Anna Lembke
Und genau das ist der Punkt: Wir müssen es wirklich tun. Nicht nur lesen. Nicht nur verstehen. Sondern erleben. Immer wieder. Vielleicht erst ab und zu. Aber mit echtem Kontakt. Mit dem, was in uns lebendig ist – und nicht geklickt werden kann.
Du bist nicht allein
Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest, dann nicht, weil du versagt hast. Sondern weil du spürst, dass etwas fehlt. Vielleicht hast du es lange ignoriert. Vielleicht funktionierst du nach außen noch perfekt. Aber innerlich ahnst du längst: So geht es nicht weiter.
Dieses Ziehen, diese Unruhe, diese Leere – sie sind nicht nur dein Problem. Sie sind das Echo eines Systems, das uns den Kontakt verlernen ließ. Aber du bist nicht allein damit. Wir alle sind mittendrin. Und genau deshalb können wir neue Wege gehen. Nicht perfekt. Nicht sofort. Aber gemeinsam.
Vielleicht beginnst du heute. Vielleicht morgen früh. Vielleicht erst nächste Woche.
Aber du wirst es merken: Es geht. Es geht, weniger zu ziehen – und mehr zu spüren.
Wenn du dir dafür bewusst Raum nehmen willst:
Noch ein Impuls:
Wenn du tiefer eintauchen willst, wie Social Media genau dafür gebaut ist, dein Dopaminsystem zu kapern – dieser TEDx-Talk bringt es auf den Punkt:
🎥 The Battle for Your Time – Exposing the Costs of Social Media von Dino Ambrosi
Zum Vertiefen – wenn du weiterdenken willst:
- Dopamine Nation – Dr. Anna Lembke
Wie unser Belohnungssystem gekapert wurde – und wie wir wieder ins Gleichgewicht kommen. - The Myth of Normal – Dr. Gabor Maté
Trauma, Gesundheit und die verborgenen Kosten eines „funktionierenden“ Lebens. - Stolen Focus – Johann Hari
Warum Aufmerksamkeit verschwindet – und wie wir sie zurückgewinnen können. - How to Do Nothing – Jenny Odell
Ein radikales Plädoyer für Aufmerksamkeit, Stille und echte Verbindung.Digital Minimalism – Cal Newport
Praktische Wege zu einem bewussteren Umgang mit Technik und Reizen.
Oder du fängst einfach damit an, einen Moment lang nicht zu reagieren.
Das ist vielleicht der mutigste Schritt von allen.